Vom 19. bis 21. Mai 2026 veranstaltete das FWF WEAVE International Project “Tartinians in Europe. The School of Nations and its Networks” eine internationale Konferenz zur Geigenkultur des 18. Jahrhunderts im Meerscheinschlössl der Universität Graz. Im Mittelpunkt stand die Welt rund um die Violine: das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern, die Rolle von Mäzenen und des Musikmarktes, die Arbeit von Musikverlegern und die Entstehung verschiedener nationaler Traditionen, die gemeinsam zur Entwicklung einer europäischen Geigenkultur beitrugen. Die Beiträge widmeten sich Themen wie Violindidaktik und Lehrschriften, kompositorischen Grundsätzen, Netzwerken des Patronats, der Mobilität von Musikerinnen und Musikern sowie den gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die Ausbildung, Karrieren und Repertoires prägten – bis hin zu neuen Möglichkeiten digitaler Werkzeuge, um diese verflochtenen Geschichten sichtbar zu machen.
Die drei Tage entwickelten sich zu einer Reise durch dieses Universum. Der erste Tag war vor allem übergeordneten Fragen der Geschichtsschreibung und der Herausbildung von Violinschulen, Traditionen und Repertoires gewidmet und bereitete den Boden für die folgenden Sektionen, in denen die Entwicklung der Violinkultur in Europa diskutiert wurde. Am zweiten Tag rückten Unterricht und Weitergabe von Wissen in den Vordergrund: Es ging um Schülerinnen und Schüler, Handschriften, Regeln der Komposition und Aufführungspraxis sowie um digitale Ansätze, mit denen Wissensnetzwerke und die Zirkulation von Ideen modelliert und untersucht werden können. Der dritte Tag weitete die Perspektive erneut, mit einem Fokus auf internationalen Austausch, Lehrwerke aus unterschiedlichen Regionen, Fragen der Virtuosität und Geschlechterrollen sowie auf die komplexe Bedeutung des Patronats für künstlerische Laufbahnen und transnationale Mobilität.
Die Musik war während der gesamten Tagung präsent und begleitete die wissenschaftlichen Diskussionen. Konzerte und Lecture-Recitals ermöglichten ein unmittelbares Erleben der Klangwelt, welche zuvor in den Vorträgen behandelt wurde – vom Dialog zwischen Violine und Flöte im Repertoire des 18. Jahrhunderts im Konzert „Violin and Traverso in Tartini’s Europe. Violinistic Reminiscences in the 18th-Century Flute Repertoire“ mit Stefano Bet (Traversflöte) und Lukas Frank (Cembalo) bis zu Überlegungen zu Bogenführung, Ausdruck und Stil in der italienischen Musik jener Zeit im Lecture-Recital „‚Di questo appoggio così leggero…‘ The Art of the Single Bow Stroke in Tartini and other Italian Composers“ des Ensemble gamma.ut (mit Prof. Susanne Scholz, Manako Ito, Alejandra Segovia – Violine, Hagar Girsai – Viola, Ala Korzeniewska – Violoncello, Christian Prohammer – Cembalo). Die Atmosphäre in Graz war konzentriert und freundlich zugleich, mit intensiven Gesprächen auch in den Pausen, gemeinsamen Besuchen der Ausstellung zur Violindidaktik des 18. Jahrhunderts, kuratiert vom Archivio Musicale Luca Moretti, und informellen Begegnungen, die Fachleute aus unterschiedlichen Ländern und Generationen miteinander ins Gespräch brachten.
Für das „Tartinians“-Projekt war die Tagung ein besonders wichtiger Meilenstein. Sie bot die Gelegenheit, erste Ergebnisse vorzustellen, neue Forschungsfragen zu erproben und sich offen mit Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen auszutauschen. Dieser Dialog trug dazu bei, Methoden zu schärfen, Deutungen zu vertiefen und die Forschungsgruppe „Tartinians“ in einen breiteren internationalen Diskurs über Violinkultur und musikalisches Wissen im Europa des 18. Jahrhunderts zu verankern.